Sprachpaten – eine Erfolgsgeschichte

06.06.17
Fotos: Valeska Zepp

Fotos: Valeska Zepp

Musaab Asaad ist der Sprachpatensohn von Marion und Michael Witt

Um den Wohnzimmertisch sitzen drei Menschen, die miteinander sprechen und lachen, wie man es von Familien kennt. Musaab Asaad ist ein besonderes „Kind“ von Marion und Michael Witt, er ist der Sprachpatensohn. Und die drei haben eine Erfolgsgeschichte zu erzählen.

Kennengelernt haben sie sich im Zeitraum in der Siegburger Innenstadt. Dort stellten die Freiwilligen-Agentur des Diakonischen Werkes An Sieg und Rhein und die Evangelische Erwachsenenbildung 2015 gemeinsam das Projekt Sprachpaten auf die Beine. In der Zeitung hatte Michael Witt gelesen „Sprachpate gesucht“ und dachte „Das ist vielleicht was für mich“. Der 83-Jährige Bundeswehr-Apotheker a. D. erkundigte sich bei der Freiwilligen-Agentur in Sieg-burg über das Ehrenamt, meldete Interesse an und bekam prompt am nächste Tag einen Rückruf.

Musaab Asaad hatte bei der Volkshochschule in Siegburg einen Deutschkurs belegt und wünschte sich Gelegenheit, die Sprache zu üben. Der Syrer hatte viele Fragen: Wie sagt man es richtig? Was bedeutet dieses und jenes? Wie begrüßt man sich mit Freunden, wie mit Fremden? Und wie gehen die Deutschen miteinander um?

„Ich habe gleich gemerkt - der will"

Witt und Asaad lernten sich kennen, die Chemie stimmte und so trafen sie sich zweimal die Woche und unterhielten sich. Witt erfuhr, dass der 34-Jährige 2014 aus Syrien über den Libanon und die Türkei nach Deutschland flüchtete und schließlich nach Siegburg kam. Dass er eine Frau hat, die in Syrien auf den Nachzug wartet, dass seine Eltern und Geschwister noch in Damaskus leben, dass er Bauingenieur ist und schnell gut Deutsch sprechen können möchte, um Arbeit zu finden.

„Ich habe gleich gemerkt - der will! Sonst hätten wir uns vermutlich auch nicht darauf eingelassen“, sagt Witt. Zusätzliche zu der Unterhaltung schaute Witt auch über die Hausaufgaben des Deutschkurses und erarbeitete gemeinsam mit Asaad die Fragen für den Integrationskurs.

Es blieb nicht bei den Sprachpaten-Treffen. Die Witts luden Musaab zum Essen ein und zu Festen. Er lernte deren erwachsene Kinder und Enkelkinder kennen. „Marion und Michael sind meine deutschen Eltern“, sagt der junge Mann, „ich bin ihnen so dankbar für alles.“

Dazu gehört nicht nur die familiäre Anbindung und das Deutsch üben. Als Michael Witt erfährt, dass sein Sprachpatensohn einen Abschluss als Bauingenieur hat, hilft er ihm, das Zeugnis anerkennen zu lassen. Witt könnte ein ganzes Buch darüber schreiben, welche Hürden die deutsche Bürokratie für dieses scheinbar kleine Anliegen bereithält. Aber er ist ein Mensch, der nachhakt und organisiert, dem nichts zu aufwändig scheint und der auch mal auf den Tisch haut, wenn es zu absurd wird.

Bürokratische Odyssee

Als das Diplom anerkannt war, schlug Michael Witt Musaab vor, auch seinen Führerschein umschreiben zu lassen, um als Bauingenieur flexibel und mobil sein zu können. Nach einer erneuten bürokratischen Odyssee – es war für alle Urkunden schwierig, die richtigen Stellen ausfindig zu machen und jemanden zu finden, der die syrischen Dokumente übersetzt – übte das Sprachpaten-Duo drei Monate lang Multiple-Choice-Fragen.

Am Ende ging dann alles erstaunlich schnell. In nur zehn Minuten beantwortete Musaab die Fragen der theoretischen Fahrprüfung am Computer und hatte nach der praktischen Prüfung bestanden. „Marion hat mir dann netterweise ihr Auto zum Üben geliehen“, sagt Asaad. „Ach, dafür hilfst du mir doch auch im Garten!“, erwidert Marion Witt. Das Geld für die Prüfung haben die Witts ihm vorgestreckt – er könne es zurückzahlen, wenn er mal fest im Job sei. Und daran zweifelte Witt nie, dass er einen angemessenen Job finden würde. „Musaab ist so motiviert. Er will die Sprache sprechen, hier ankommen, will arbeiten und für sich und seine Familie selbst sorgen“, sagt Witt.

Das mit dem Job war aber dann doch nicht so einfach. Witt schrieb zusammen mit Musaab unzählige Bewerbungen. „Die meisten Firmen antworten überhaupt nicht - das ärgert mich sehr“, sagt Witt. Auch mit dem Job- und Integrationscenter war Witt nicht zufrieden: Obwohl Bauingenieur ein Mangelberuf ist, wurde ihm nie eine Stelle angeboten.

Nach einem Jahr war der Familiennachzug geregelt, Musaabs Frau kam nach Deutschland, die beiden zogen in eine kleine Sozialwohnung, bekamen Ende 2016 den lang ersehnten Nachwuchs – einen Sohn, Mohammed, geboren in Sieglar.

Die Chance

Aber Musaab hatte immer noch keinen Job. Von den vielen Bewerbungen kam kaum Resonanz, ab und zu mal eine standardisierte Absage. Bei einem Essen mit Freunden schilderte Witt die Lage. Der Freund wies darauf hin, dass Bauingenieure aber doch sehr gefragt seien in Deutschland und dass in der Zeitung doch regelmäßig der Landesbetrieb Straßenbau-NRW - inserierte. Er empfahl, sich dort initiativ zu bewerben – selbst wenn Musaab in Syrien auf Hoch- und nicht auf Tiefbau spezialisiert war.

Also bewarb sich der junge Syrer wieder mit Witts Hilfe. Dann kam endlich eine erfreuliche Rückmeldung: eine E-Mail mit Einladung zum Vorstellungsgespräch. Und wieder hatte Musaab Asaad viele Fragen: „Kann ich das? Wie verhalte ich mich richtig? Was muss ich tun?“ Marion Witt hatte einen guten Rat: „Sei wie du bist, dann schaffst du es!“

Beim Vorstellungsgespräch saß Asaad acht Prüfern gegenüber. „Jeder stellte sich vor und ich konnte mir keinen einzigen Namen merken“, sagt Asaad. Aber am Ende des Gesprächs hatte er ein gutes Gefühl. Einer aus der Runde kam sogar noch zu ihm und gab ihm ein positives Feedback. Er rief gleich Witt an und erzählte glücklich von diesem Erfolgserlebnis.

Endlich Erfolg

Dann hörte er vier Wochen lang nichts. „Jetzt rufst du da an“, sagte Witt. „Das kann doch nicht sein, da stimmt etwas nicht.“ Der Mann am anderen Ende der Leitung zeigte sich erstaunt über Asaads Rückfrage: „Sie haben uns doch eine E-Mail geschrieben und abgesagt.“ „Ich habe überhaupt keine E-Mail geschrieben“, konterte der junge Mann. „Moment mal, wie heißen Sie noch mal - ich kontrolliere das.“ Eine Stunde später kam der Rückruf – es lag eine Verwechslung vor. Gleich am nächsten Tag kam die Zusage, dann der Arbeitsvertrag: Vollzeitstelle, unbefristet mit sechs Monaten Probezeit.

Seit dem, 1. Februar arbeitet der syrische Bauingenieur Musaab Asaad bei Straßen NRW. Er arbeitet im Bereich Bauüberwachung und Ausschreibungen in der Brückenabteilung zusammen mit einem 30-köpfigen Team und ist glücklich. Seine „deutschen Eltern“ sitzen im Wohnzimmer freuen sich und sehen stolz aus, wie man es von richtigen Eltern auch erwarten würde.

Michael Witt betreut neben Assad noch zwei weitere syrische Akademiker, eine Architektin und einen Apotheker. Auch ihnen versucht er den richtigen Weg durch die deutsche Bürokratie zu ebnen, damit auch sie eines Tages die Anerkennung ihrer Universitätsdiplome erhalten.
Valeska Zepp

Möchten Sie auch Sprachpate werden? Dann melden Sie sich bei der Freiwilligen-Agentur, 022 41 - 25 215-21, freiwilligen-agentur@diakonie-sieg-rhein.de

 

 

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