Diakonie: Keine Angst vor Komplexitäten

06.03.20
Unternehmensberater Attilla Nagy (v. l.) und Professorin Sigrid Graumann mit Barbara Montag und Christian Heine-Göttelmann von der Diakonie RWL bei der Vorstände-Klausur zum Thema Komplexitäten. Foto: Diakonie RWL / Reinhard van Spankeren

Die Welt wird immer vielschichtiger. Auch die Welt der Diakonie. Ob Digitalisierung, demografischer Wandel oder soziale Teilhabe - diakonische Unternehmen und Werke müssen ihren Umgang mit einer zunehmend komplexen und komplizierten Welt reflektieren und steuern. Dieser anspruchsvollen Aufgabe stellte sich jetzt in Wuppertal das Fünfte Theologische Forum der Diakonie RWL. Zu den Teilnehmenden gehörte auch der Geschäftsführer des Diakonischen Werks des Evangelischen Kirchenkreises An Sieg und Rhein, Patrick Ehmann.

Unternehmensberater Attilla Nagy benannte wesentliche "externe Komplexitätstreiber der Sozialwirtschaft". Dazu gehören, wenig überraschend, Digitalisierung und der demografische Wandel. Auch mit Grenzen der staatlichen Finanzierung haben sich die Wohlfahrtsverbände in unterschiedlichen Ausmaßen immer schon auseinandersetzen müssen.

Die Emanzipation der Kunden mit ihrer eindeutigen Personenzentrierung fordert aktuell das "Change Management" der sozialwirtschaftlichen Akteure ebenso heraus wie die immer lauter gestellte Frage nach der Wirksamkeit der personenbezogenen sozialen Dienstleistungen. Tradierte Sektorengrenzen verschwimmen und die sogenannte "Ambulantisierung" ist kein Schlagwort mehr, sondern Gestaltungsaufgabe in nahezu allen diakonischen Handlungsfeldern.

Komplexe Rollen und Anforderungen

Solche Einschätzungen ergänzte die Sozialethikerin Sigrid Graumann. Die Rektorin der Evangelischen Hochschule RWL in Bochum verweist auf die Doppelrolle der diakonischen Unternehmen als zugleich Arbeitgeber und Anbieter sozialer Dienstleistungen wie ebenso Lobbyist und Kooperationspartner sozialstaatlicher Programme. Auch dies ist ein Beispiel für Komplexitäten.

Graumann diagnostiziert in diesem Zusammenhang auch eine "Krise der Care-Arbeit". "Krise" meint nicht nur Mangel, etwa Fachkräftemangel, sondern neu ist auch, dass sich das Selbstverständnis der helfenden Berufe verändert. Die Angehörigen der "Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit" wollen ihren Klientinnen und Klienten im Zeitalter der Individualisierung "assistierte Freiheit" ermöglichen.

Das Eigene stark machen

Auf der einen Seite, so beobachtet die Ethikerin, genießen kirchliche Träger noch immer einen Vertrauensvorschuss bei weiten Bevölkerungsteilen. Auf der anderen Seite nehme die gesellschaftliche Kritik an Kirche zu, gebe es starke Vertrauensverluste. Hier komme es darauf an, das "Eigene, Christliche, stark zu machen, bei aller gesellschaftlichen Kritik".

Die Professorin findet tragende und zukunftsweisende Leitlinien und Anhaltspunkte in Konzeptionen der Individualethik und der Sozialethik. Die Führungskräfte der Diakonie hinterfragen ihre "Geschäftsmodelle" und suchen neue Wege und Module. In beiden Zugriffen rückt die Frage nach dem "guten" oder "gelingenden" Leben in den Vordergrund – das aus biblisch-christlicher Sicht auch ein Leben im Fragment, mit Prozessen des Scheiterns ist.

Diakonischer Auftrag

Von hier aus geriet der "diakonische Auftrag" immer wieder systematisch und konkret in den Blick des Forums. Was unterscheidet Diakonie womöglich doch von säkularen Anbietern? Was macht das diakonische Profil aus – vor allem im Hinblick auf Menschen mit Unterstützungsbedarf, die selbst bestimmen wollen, was sie brauchen, um Teilhabe zu erlangen? Eine Antwort lautet: "Diakonie heißt, Menschen verstehen in allen Lebenslagen". Eine andere Antwort, Diakonie bedeute, aus Überzeugung innovativ zu sein, auch wenn es sich nicht sofort rechne.

Für Sigrid Graumann ist der menschenrechtliche Ansatz entscheidend: Es gelte, die UN-Behindertenrechtskonvention und die UN-Kinderrechtskonvention unbedingt und überall praktisch wirksam werden zu lassen. Diakonisches Profil heiße demnach, niemanden verloren gehen zu lassen, niemanden rauszuwerfen. Dem mochte niemand widersprechen.

Fantasie ist gefordert

In der Praxis, so Diakonie RWL-Vorstand Christian Heine-Göttelmann, stelle sich aber meist die Frage, wie gute Modelle flächendeckend durchgeführt werden könnten. Da brauche es ausreichende Finanzierung und gute, motivierte Teams.

Fantasie und Innovationsfreude können etwa helfen, Arbeits- und Arbeitszeitmodelle und damit verbundene Haltungen und Traditionen zu verflüssigen. Das gehe in der Jugendhilfe genauso wie in der ambulanten Pflege oder in der stationären Altenhilfe, ebenso mit jüngeren wie älteren Arbeitnehmern.

Die spezifischen Qualitäten der Diakonie als Arbeitgeberin könne man bei der Personalgewinnung noch mehr und viel besser ins Gespräch bringen. Familienfreundlichkeit, gute Einführungen, Fortbildungsmöglichkeiten seien Pluspunkte. Schicke man Bewerberinnen und Bewerbern schon zum Vorstellungsgespräch das Leitbild zu, käme es zu einer ganz anderen als sonst üblichen Gesprächsqualität.

Chancen ergreifen

Vor Komplexitäten muss die Diakonie ganz offensichtlich nicht kapitulieren. Waren, so fragte ein Forumsteilnehmer, die Herausforderungen womöglich größer, als in den 1960er Jahren die Diakonissen ausblieben und das Bundessozialhilfegesetz und das Jugendhilfegesetz das alte Fürsorgesystem in den demokratischen Sozialstaat der alten Bundesrepublik verwandelten? Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, die Rahmenbedingungen des Non-Profit-Sektors im Einzelfall auch einmal zu "sprengen" – zum Beispiel mit dem Bau und Betrieb eines Parkhauses auf einem großen Gelände oder mit der Errichtung einer Hunde-Tagesstätte.

Es gibt gute Beispiele dafür, wie die Bedürfnisse von Menschen mit Hilfebedarf nach selbstbestimmten Lebens- und Wohnformen sich in Einklang bringen lassen mit neu aufgebauten diakonischen Geschäftsmodellen. Stellvertretend für viele andere sei hier auf Dortmund verwiesen: Dort gibt es ein neues niedrigschwelliges Angebot für psychisch Kranke und Wohnungslose. Ebenso neu entwickelt wurden auch neue Wohnformen für junge Menschen mit Behinderungen, die in einer eigenen Wohngruppe mit ihren Freunden zusammenleben.

Insgesamt, so Christian Heine-Göttelmann in zugespitzter Formulierung, habe man früher Angebote vorgehalten, die mit Menschen bestückt wurden. Auch heute habe man es in der Diakonie mit Menschen zu tun, die schwer zu betreuen sind. Im Vordergrund müsse stehen, vom Selbstbestimmungsrecht der Menschen mit Unterstützungsbedarf her Angebote zu machen, die gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Bericht: Reinhard van Spankeren / Diakonie RWL

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