Spenden – persönlich, direkt und digital
Die Adventssammlung verändert sich: ein Gespräch mit Ulrich T. Christenn, Leiter des Zentrums Drittmittel und Fundraising des Diakonischen Werks Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL)
Die Tradition der Diakonie-Sammlungen vor Ort in den Gemeinden ist wunderbar lang. Wie wichtig bleiben Spenden für Erfolge der diakonischen Arbeit?
Ich sage es in einem Bild: Mehrere Säulen tragen ein Dach. Spenden haben je nach Arbeitsfeld eine größere oder etwas kleinere Bedeutung. Manche Arbeit ist gut von der öffentlichen Hand gefördert. Aber für andere Aufgaben – zum Beispiel die Migrations- und Flüchtlingsarbeit – sind Spenden ausgesprochen wichtig.
Wie gut funktioniert heute noch das Geldsammeln an Haustüren?
Dieses Sammeln ist der Prototyp: Engagierte Menschen bitten persönlich um Geld. Fachlich nennen wir es heute so: Fundraising „Face to Face“. Genau dieses Prinzip möchte ich weiter voranbringen. Das heißt aber auch: Wir werden es verändern. Die Haustür ist das Symbol. Entscheidend ist die persönliche Ansprache – egal an welchem Ort oder zu welchem Anlass.
Was ist der Plan?
Wenn wir jetzt am 1. Advent die diesjährige Sammlung starten, dann beginnen wir mit der Live-Phase unserer bundesweiten Innovation: Spendensammeln mit einer App auf dem Smartphone. Menschen stehen beieinander, und halten Handy an Handy. Das Spenden ist also mit einer persönlichen Begegnung verbunden. Diese Lösung – sie heißt „tap to pay“ – funktioniert über die EC- oder Kreditkarte bzw. die Wallet-App. Gleichzeitig trägt diese Lösung dem Vertrauen viel besser Rechnung. Es gibt kein ausgehändigtes Geld, wo manche vielleicht die Sorge haben, dass es nicht abgegeben werden könnte. Auf der anderen Seite muss niemand Münzen und Scheine zählen. Ich freue mich schon sehr, dass wir diese Lösung nun ausprobieren und praktizieren, zur Not noch letzte Fehler ausmerzen können. Und ich freue mich ganz besonders darauf, dass wir diese Lösung mit der Zeit noch weiter ausbauen: Wir werden künftig auch Accounts für Kirchenkreise und Diakonien möglich machen, so dass auch sie die App direkt für die Gottesdienstkollekte oder eigene Spendenaktionen – zum Beispiel bei einem Gemeindefest – nutzen können. Die Brot für die Welt-Kollekte an Heiligabend kann schon so gesammelt werden.
Wo ist der Pferdefuß?
In der Tat zieht diese Innovation eine Änderung nach sich, mit der wir nun alle umgehen müssen. Die Bargeld-Spende – und sie bleibt ja weiterhin möglich – geht bei der Diakoniesammlung zunächst an die örtliche Kirchengemeinde, von dort wird sie an das Diakonische Werk des Kirchenkreises weitergereicht, das sie teils einbehält, teils an uns weiterreicht, die Diakonie RWL. Bei der neuen App fließt die Spende erst an uns und wird dann für Projekte vor Ort ausgeschüttet. Dafür machen wir etwas ganz Besonderes daraus: Wir verdoppeln jede Spende – maximal bis 100.000 Euro. Wir sammeln also alle Spenden und wir geben sie in einen Fonds, den wir neu gründen. Der Name ist logisch: Der Fonds heißt „Füreinander. Für hier“. Von dort fließen die Gelder in praktische Vorhaben als Hilfe vor Ort um die Ecke. 500 Euro für ein Wohnungslosenprojekt, um ein Beispiel zu nennen. Gemeinden beantragen das einfach bei uns – und los geht’s. Das Verfahren spart Verwaltungsaufwand und macht transparent, was mit den Spendengeldern passiert. Unsere Öffentlichkeitsarbeit braucht Geschichten. Wir werden von den Hilfen um die Ecke – in der Gemeinde, im Stadtteil – erzählen.
Wofür steht der neue Name?
Wir möchten auf Dauer von den alten Namen – Adventssammlung, Diakoniesammlung – weg. In engagierten Gemeinden funktionieren die Aktion und die bisherigen Namen gut – das soll nicht beschädigt werden. Übergänge sind also möglich. Aber der neue Slogan „Füreinander. Für hier“ ist der Aufschlag Richtung Zukunft – weiterhin gemeinsam mit den Caritasverbänden in ökumenischer Verbundenheit. Wir werden flexibler, entwickeln uns mit der neuen App technisch weiter, wir schärfen die Aktion.
Was motiviert Menschen heute zum Teilen?
Wir wissen aus der Psychologie: Teilen und Abgeben setzt Endorphine frei – helfen macht gute Gefühle. Für Christinnen und Christen ist es selbstverständlich, etwas ab- und weiterzugeben. Manche Menschen spenden aus schlechtem Gewissen. Und viele Menschen haben Gründe, nicht zu spenden. Wichtig ist wie gesagt die persönliche Ansprache. „Ist das Herz voll, läuft der Mund über“ heißt ein Sprichwort. Wenn Menschen andere zum Mitmachen ermuntern, hilft das am meisten. Plakate oder Web-Banner sind längst nicht so wirkungsvoll. Ich hoffe, dass Gemeinden kreativ werden und Begegnungsorte und -aktionen schaffen.
Interview: Anna Neumann
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