„Im Dorf bleibt wenig verborgen“
von Nastassja Lotz
17.03.2026
Mit dem Beratungsmobil bringt die Diakonie An Sieg und Rhein ihre Suchthilfe in ländliche Regionen des Rhein-Sieg-Kreises. Sozialarbeiter Nikolas Weinhold ist regelmäßig in Lohmar, Much, Ruppichteroth und Seelscheid unterwegs. Im Interview beschreibt er, weshalb es einen Unterschied macht, ob Hilfe vor Ort präsent ist.
Nikolas, was hast du seit dem Start des Beratungsmobils vor etwa einem Jahr über die Arbeit im Dorf neu gelernt?
Mir ist noch deutlicher geworden, wie komplex das Thema Anonymität im ländlichen Raum ist. Viele Menschen wollen Hilfe, aber nicht im eigenen Ort gesehen werden. Deshalb nutzen einige bewusst die Mobilität des Busses und kommen in Nachbarorte. Gleichzeitig habe ich gelernt: Jedes Dorf funktioniert anders, hat seine eigene Seele. Standardlösungen greifen hier nicht. Vertrauen muss man sich vor Ort erarbeiten.
Begegnen dir Probleme, die speziell auf das Dorfleben zurückzuführen sind und in der Stadt vielleicht gar nicht erst auftreten?
Ja, zum Beispiel Mobilität ist ein großes Thema. Wer kein Auto hat oder den Führerschein verliert, ist schnell isoliert. Gleichzeitig gibt es auf dem Land wenig Infrastruktur: kaum Psychotherapeut*innen, wenige Fachdienste, selten Selbsthilfegruppen in erreichbarer Nähe. Das verstärkt bestehende Problemlagen. Das Beratungsmobil schließt hier eine Lücke, weil wir zumindest einen niedrigschwelligen Zugang schaffen können.
Welche Rolle spielen Scham und Angst vor Gerede im Dorf?
Eine sehr große. Im Dorf bleibt wenig verborgen. Viele Menschen fürchten, abgestempelt zu werden oder ihr Gesicht zu verlieren. Das hemmt sie, Hilfe anzunehmen. Wir achten deshalb darauf, unsere Standorte so zu wählen, dass man uns gut findet, ohne gleich im Mittelpunkt zu stehen. Der Bus bietet einen geschützten Raum in einer Umgebung, die sonst wenig Schutz vor Blicken bietet.
Was unterscheidet die Gespräche im Bus von denen in einer Beratungsstelle?
Fachlich gibt es keinen Unterschied. Der entscheidende Punkt ist der Zugang. Die Schwelle, in einen Bus zu steigen, kann niedriger sein als der Gang in eine offizielle Einrichtung. Dass wir kommen, wird als Wertschätzung erlebt. Die Menschen fühlen sich gesehen, nicht vergessen.
Was wünschst du dir für die Zukunft des Beratungsmobils?
Kontinuität. Vertrauen im Dorf entsteht langsam. Gerade im ländlichen Raum – wo die Wege weit und die Hürden hoch sind – braucht es verlässliche Strukturen, damit Hilfe nicht nur punktuell, sondern dauerhaft erreichbar bleibt.
Dieses Interview erschien zuerst in der Osterausgabe 2026 des PROtestant.
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