Coaching beflügelt Diakonie-Sprechstunde

Was tun, wenn ein Team von Ehrenamtlichen für das Engagement besser gewappnet sein möchte? Wenn es vor schwierigen Fragen steht? Die schlichte Antwort lautet: Hilfe für die Hilfe!

Konkret: In der Diakonie-Sprechstunde in Sankt Augustin-Niederpleis erhalten Menschen in Notfällen einen Gutschein, zum Beispiel für Lebensmittel.

Wie sich ein Diakonie-Sprechstunden-Team durch ein Coaching fit gemacht hat: Ein Gespräch von Anke Meyer-Hausmann aus der Evangelischen Kirchengemeinde Sankt Augustin Niederpleis und Mülldorf mit Birgit Binte-Wingen, der Leiterin der Freiwilligen-Agentur der Diakonie An Sieg und Rhein. 

Eine spezielle Schulung für Ehrenamtliche in einer gemeindlichen Diakonie-Sprechstunde – wie kam es zu dieser Premiere?

Anke Meyer-Hausmann: Die Diakonie Sprechstunde in meiner Kirchengemeinde gibt es seit Jahrzehnten – doch seit 2024 haben wir ein komplett neues Team. Offen gestanden waren wir anfangs unsicher und fühlten uns überfordert. Wir hatten auch das Gefühl, wirkungslos zu sein. Deshalb haben wir gedacht: Unser Team braucht Unterstützung. Zum Glück wusste ich, dass ich bei der Diakonie An Sieg und Rhein danach suchen kann.

Birgit Binte-Wingen: Und so kam ich ins Spiel, zusammen mit meiner Kollegin Andrea Eisele von der Evangelischen Erwachsenenbildung. Aus unserer Erfahrung mit den Workshops zum „Strategischen Freiwilligen-Management“ heraus haben wir einen Workshop speziell für diese Fragen entwickelt.

Meyer-Hausmann: Die Fragen kamen von uns: Wir als Team haben sie formuliert.

Binte-Wingen: Wir haben die Fragen vorab bekommen und dann entschieden: Wir machen ein Coaching daraus. Deshalb nenne ich den Abend auch Workshop statt Schulung. Denn wir haben das Team dabei begleitet, an den Fragen zu arbeiten und eigene Lösungen zu finden.

Welche Fragen sind es?

Meyer-Hausmann: Was mache ich, wenn ich das Gefühl habe, ausgenutzt zu werden? Was tue ich, wenn ich den Eindruck habe, dass mir eine Geschichte aufgetischt wird, die unlogisch klingt und vielleicht erlogen ist? Wie reagiere ich, wenn jemand alkoholisiert oder unter Drogen wirkt? Wie kann ich mich abschotten, wenn mir jemand droht oder einen heftigen psychischen Notfall hat?

Binte-Wingen: Das sind Fragen, die vielfach im Engagement entstehen. Sie sind typisch.

Meyer-Hausmann: Für uns sind es „unsere Fragen“ gewesen, die wir im Workshop behandelt haben. Ganz individuell.

Binte-Wingen: Der Workshop war so erfolgreich, weil Sie und Ihr Team bereit waren, ehrlich über Ihre Gefühle und innere Wiederstände zu sprechen. Sie haben zugegeben, dass Sie manchmal wütend sind,  sich ausgenutzt oder überfordert fühlen. Das ist wirklich mutig. Wir haben aber auch über die schönen und positiven Beratungssituationen gesprochen und uns damit den Lösungen genähert.

Was tut man denn als Ehrenamtliche in der Diakonie-Sprechstunde, wenn jemand angetrunken hereinschneit?

Meyer-Hausmann: Heute sprechen wir es an. Wir sagen: Sie wirken angetrunken. Und wir erlauben uns, eine Grenze zu setzen. Wir sagen: Bitte kommen Sie ein anderes Mal wieder.

Verweisen Sie auf die Suchthilfe?

Meyer-Hausmann: Auf professionelle Hilfen zu verweisen, ist ein wichtiger Punkt, den wir aus dem Workshop mitgenommen haben. Aber den Flyer der Suchthilfe überreichen? Ich würde das nicht direkt kommentarlos tun, dann landet er vielleicht nur im Papierkorb. Da würde ich erst einmal schauen, wie sich die Gespräche entwickeln und ob eine Offenheit für das Weiterverweisen entsteht.

Und wie gehen Sie heute mit Geschichten um, die unplausibel oder erfunden scheinen?

Meyer-Hausmann: Wir haben gelernt dann zu sagen: Sie müssen uns hier keine Geschichte erzählen. Sagen Sie uns, was Sie benötigen bzw. warum Sie heute hier sind.

Sind Sie alle Fragen durchgegangen?

Binte-Wingen: Das Coaching-Format bedeutet: Wir sind von den Fragen her gestartet und haben auf das Konzept, auf vorhandene und nicht vorhandene Regeln und die Rahmenbedingungen insgesamt geschaut.

Meyer-Hausmann: Wir sind damit auf den Weg gebracht worden. Wir haben unsere Rolle geklärt und wir haben uns Regeln gegeben. Sie beinhalten: Wir sprechen ehrlich gegenüber den Klienten, auch über unsere Empfindungen. Das hat uns wirklich freier gemacht. Wir setzen unsere Mittel – das sind vor allem Lebensmittelgutscheine – für Notfälle ein. Wie zum Beispiel für eine Frau, die ihr Haushaltsgeld verloren hatte. Ihr haben wir geholfen. Und dann kam sie ja auch nicht mehr wieder. Genau so ist es vorgesehen. Wir helfen gern – in Notfällen. Aber eine Art regelmäßige Aufbesserung geben wir nicht mehr. Dann muss sich das Gespräch darum drehen, woran es liegt, dass immer wieder Geld fehlt.

Binte-Wingen: Es macht mich richtig happy, gerade zu hören, dass wir Sie so unterstützen konnten, dass Sie im Engagement jetzt zufriedener sind. Gegenüber Klienten Grenzen zu setzen – das ist richtig. Zu klären, was eigentlich gebraucht wird – das ist richtig. Damit ist auch den Klienten mehr geholfen. Auch wenn das Hinterfragen für beide Seiten unangenehm sein kann, so kann das zu einer echten Hilfe führen und nicht bei der reinen Gutscheinvergabe bleiben.

Meyer-Hausmann: Wir haben wirklich profitiert von dem Workshop. Wir kommen jetzt gut klar.

Binte-Wingen: Sie kamen mit Unzufriedenheit und jetzt berichten Sie von Freude. Ich denke sofort daran, dass alle Untersuchungen belegen: Ehrenamt muss Freude bereiten. Freiwillige Engagierte sind motiviert, wenn sie Spaß an der Arbeit haben und spüren, dass sie etwas bewirken. Solch ein Coaching bzw. einen solchen Workshop bieten wir gern auch anderen Gemeinden an.

Anke Meyer-Hausmann ist Diakonie-Kirchmeisterin der Evangelischen Kirchengemeinde Sankt Augustin Niederpleis und Mülldorf. Das ist per se ein Ehrenamt. Zusammen mit drei weiteren Menschen aus ihrer Gemeinde hält sie ehrenamtlich die Diakonie-Sprechstunde. Beruflich ist sie als Physiotherapeutin tätig.

Birgit Binte-Wingen leitet die Freiwilligen-Agentur für den Rhein-Sieg-Kreis, angesiedelt bei der Diakonie An Sieg und Rhein. 

Hier sind einige der Fragen zu sehen, mit denen das Team aus Niederpleis und Mülldorf in das Coaching gegangen ist.