Das Team der Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung der Diakonie An Sieg und Rhein feiert sein 50-jähriges Bestehen. Foto: Nastassja Lotz/Diakonie An Sieg und Rhein.

Seit 50 Jahren zählt hier, was Frauen brauchen

von Nastassja Lotz

17.09.2026

Frauen müssen sich hier weder erklären noch rechtfertigen. Das ist die Haltung der Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung der Diakonie An Sieg und Rhein seit 50 Jahren.


Ihr Jubiläum feierte die Beratungsstelle im AOK-Haus Siegburg mit Gästen und langjährigen Wegbegleiter*innen.

Ruth Kippelt, Leiterin der Beratungsstelle, beschreibt das Selbstverständnis ihrer Arbeit so: „Ergebnisoffen, von der Verantwortung der Frau ausgehend, ermutigend statt belehrend, verständnisvoll statt bevormundend.“ Auch in der Schwangerschaftskonfliktberatung bestimmen Frauen selbst, wie viel sie erzählen möchten. Die Mitarbeiterinnen hören zu, informieren und unterstützen.

Die Beratungsstelle ist nicht nur für Frauen im Schwangerschaftskonflikt da. Sie begleitet auch Schwangere und Eltern in der Zeit nach der Geburt. Dabei geht es um finanzielle Hilfen und Anträge, aber ebenso um Beziehungen, Wohnraum, den Beruf und den Alltag mit einem Kind. „Jede Schwangerschaft ist anders, jede Frau ist anders, die Umstände sind anders“, sagte Diakonie-Geschäftsführer Patrick Ehmann. „Gute Beratung heißt, wir helfen Menschen dabei, ihre eigenen Antworten zu finden.“ Ein Satz wie „Ich weiß nicht weiter“ sei kein Problem, sondern der Beginn eines Gesprächs.

Schwangerschaft ist oft der Anlass für ein Beratungsgespräch, aber selten das einzige Thema. Viele Ratsuchende beschäftigen zugleich finanzielle Sorgen, fehlender Wohnraum oder Veränderungen in Familie und Partnerschaft. Im vergangenen Jahr begleitete die Beratungsstelle 144 Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt. Hinzu kamen 769 Beratungsanliegen rund um Schwangerschaft und Geburt. Insgesamt standen die Mitarbeiterinnen dabei mehr als 2800 Mal mit Ratsuchenden in Kontakt.

In ihrer Jubiläumsrede blickte Kippelt auf fünf Jahrzehnte zurück, in denen sich die Beratung immer wieder verändert und weiterentwickelt hat. Die rechtliche Ausgestaltung der Schwangerschaftskonfliktberatung ist bis heute politisch umstritten. „Diese Beratungsarbeit kann nur politisch sein, weil es um das Leben von Menschen geht“, sagte Michael Haarmann, theologischer Leiter der Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Es brauche mehr Verantwortungsübernahme von Männern und verlässliche Strukturen, in denen Familien gut leben können.

Viele Anliegen lassen sich nur gemeinsam lösen. Deshalb arbeiten der Rhein-Sieg-Kreis und die Schwangerschaftsberatungsstellen verschiedener Träger eng zusammen. Gemeinsam haben sie unter anderem die Neuregelung für einen Hilfsfonds weiterentwickelt, sodass Frauen in schweren psychosozialen und finanziellen Notlagen noch schneller und unbürokratischer unterstützt werden können. „Seit 50 Jahren gibt die Diakonie An Sieg und Rhein Frauen Raum für Fragen, Zweifel, Ängste und eigene Entscheidungen“, sagte Sozialdezernentin Ulla Thiel.

Wie unterschiedlich Mutterschaft erlebt werden kann, griffen auch die künstlerischen Beiträge der Feier auf: Spoken-Word-Künstlerin Jule Weber trug ihren Text „Mutter werden“ vor. Dolors Planiol eröffnete ihre Fotoausstellung „On Motherhood“. Sie ist vom 18. bis 30. September 2026 im AOK-Haus, Kaiserstraße 35–37 in Siegburg, zu sehen.