„Ich bin der Anker“

Foto: Sabine van Erp / Pixabay

Es liegt ja an den schwindenden Kräften. Das ist doch klar. Aber man kann es nicht beschönigen: Die Wohnung ist nicht mehr so ordentlich wie alle Zeit zuvor. Sie ist nicht mehr so sauber, wie sie es immer und ewig war. Aber zum Glück gibt es Hilfe – durch die Gemeindeschwester. Zum Glück gibt es Diakonie in der Gemeinde.

Verwahrloste Zustände sind einer der Gründe, wenn Nachbarn oder Angehörige Margret Diedenhofen zu Hilfe rufen. Die Mitarbeiterin der Evangelischen Kirchengemeinde Hennef versteht sich als Anwältin von Seniorinnen und Senioren, die sie daheim besucht. Aufsuchende Seniorenarbeit nennt sich die Unterstützung von Menschen in einer schwierigen Lebensphase.

Margret Diedenhofen kümmert sich um die Menschen, „die einst den Staffellauf mitgemacht haben und jetzt selbst bedürftig sind“. Sie ist für diejenigen da, die früher couragiert im Leben standen, vielleicht sogar anderen halfen, aber jetzt eine helfende Hand benötigen. Sie hilft Menschen, die ihr Leben gern wie eh und je im Griff hätten, aber es nicht mehr schaffen, anstehende Dinge anzupacken.

Hilfe zu erbitten falle ihnen zumeist schwer. Manche seien vom Leben enttäuscht, verschließen sich, nicht wenige fallen in Depressionen. Je betagter sie werden, desto fremder wird ihnen das Leben. Zum Glück gibt es Hilfe – durch eine Gemeindeschwester, die praktisch unterstützt, aber auch seelsorglich zur Stelle ist.

Hilfen im Alltag

Die Gemeindeschwester macht Hausbesuche, begleitet zum Arzt, zum Einkaufen oder zur Behörde, bei einem Besuch im Krankenhaus oder des Friedhofs. Sie initiiert notfalls eine rechtliche Betreuung. Manchmal bewahrt sie Betroffene vor kriminellen Übergriffen. Sie ist Fürsprecherin und Vertrauensperson.

Auf jeden Fall steht sie zur Seite, wenn Älteren die Kräfte für nötige Entscheidungen fehlen: zum Beispiel den Umzug in ein Altersheim angehen. Zum Beispiel einen Pflegedienst oder zumindest eine Haushaltshilfe hineinholen. Sie unterstützt bei Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen. Sie hilft, Anträge wegen einer Schwerbehinderung oder für Pflege zu stellen.

Margret Diedenhofen koordiniert die Ehrenamtlichen, die sich zusätzlich in der Seniorenarbeit engagieren.

Für alle  hauptamtlich Mitarbeitenden gibt es seit 2021 auf Ebene des Kirchenkreises regelmäßige Treffen, wozu der Sydonalbeauftragte Manfred Kusserow einlädt. Dort gibt es regen Austausch und Informationen zu relevanten Themen.

Gemeindeschwester, heißt es beim Online-Lexikon Wikipedia, ist eine Fachkraft in der ambulanten Pflege. In kommunalen Dienst reicht die Definition, im evangelischen Kontext greift das zu kurz – die zweite Säule fehlt.

Hilfe als Seelsorgerin

Denn zugleich bzw. echt häufig ist Margret Diedenhofen Seelsorgerin: Sie kommt von der Kirche und bringt den Glauben mit ins Gespräch.  Mitten im Alltag und beim Hausbesuch ist die Gemeindeschwester da, die Segen zuspricht und spirituelle Stärke weitergibt. Damit entlastet sie auch das Pfarrteam.

In Eitorf ist Lili Perminov die Gemeindeschwester der Evangelischen Kirchengemeinde. Auch sie hat primär die Senior*innen im Blick: Sie ist deren „gute Seele“. Ihr Dienstfahrzeug ist der „Seniorenexpress“ zum Arzt oder Einkauf.

Es ist auch ein Kampf gegen Altersdiskriminierung

Alte Menschen haben keine Lobby, klagt Margret Diedenhofen, die nicht selten von unwürdiger Behandlung bei Versicherungen, Banken und Ämtern erfährt. Auch überlastete Ärzte haben oft weder Zeit noch Geduld, auf das Bedürfnis nach Erklärungen und Zugewandtheit einzugehen. Senior*innen bekommen ein Rezept, aber kein mitfühlendes Wort.

Margret Diedenhofen hat etwas mehr als eine halbe Stelle. Im Schnitt betreut sie in unterschiedlicher Häufigkeit  ca. 45 Menschen, die Gespräche und Unterstützung suchen. In Ergänzung zu ihrer Arbeit bietet die Hennefer Kirchengemeinde Angebote wie den Seniorentreff, den eine Pfarrerin mit Andachten und thematischen Angeboten gestaltet.

In Eitorf hat die Gemeinde Innen- und Außendienst zusammengelegt: Gemeindeschwester Lili Perminov ist mit ihrem Team auch verantwortlich für wöchentliche Angebote wie Seniorenfrühstück im Gemeindesaal und Spiele-Nachmittage. Andere evangelische Gemeinden organisieren Hilfen anders, kooperieren beispielsweise in einer überregionalen Diakoniestation, engagieren sich in der Besuchsdienstarbeit.

Auf Wünsche und Ressourcen schauen

Man muss im Alter vieles neu lernen. Man betritt unbekanntes Terrain“, erklärt Hennefs Gemeindeschwester. Bis zum Schluss gelte es, Veränderungen anzunehmen. Entscheidungen seien zu treffen: Wie will ich leben? Wie will ich sterben? Wo will ich sterben – daheim oder im Heim? Welche Ressourcen habe ich? Wenn Beziehungen beschädigt sind – schaffe ich noch eine Versöhnung mit der Familie? Kann ich mit Dankbarkeit auf mein Leben schauen? Ziehe ich meine Kraft aus dem Gebet, aus dem Austausch mit anderen, aus meinem Durchhaltevermögen oder beispielsweise aus der Kraft, über mich selbst lachen zu können?

Den Titel „Gemeindeschwester“ mag die 64-Jährige gern, denn diese Bezeichnung ist ihrer Erfahrung nach ein Türöffner. Die Senior*innen stellen sich sofort vor,  wofür sie steht: Sie kommt von Kirche, man kann ihr vertrauen. Sie hat eine Seelsorge-Ausbildung, die Zurüstung zur Geistlichen Begleiterin und – ihr ganz persönliches Plus – die Ausbildung in der Openhands-Schule von Anne Höfler durch das Jahrestraining im palliativen Bereich.

Die alte spirituelle Tradition des Handauflegens kennt schon die Bibel. „Sie beteten und legten ihnen die Hände auf“, heißt es beispielsweise in der Apostelgeschichte 6,6 über die Versorgung von Menschen.

Viele alte Menschen erleben kaum noch körperliche Zuwendungen oder werden mal in den Arm genommen. Margret Diedenhofen bietet auf Wunsch Handauflegen an. Das sind absichtslose, achtsame Berührungen im Gebet am Arm oder an der Schulter, die zum Beispiel Trost spenden und vielleicht auch Schmerzen lindern können.

Es ist eine Form von Segen und bringt Menschen wieder neu in Verbindung mit ihrem Körper, mit sich selbst und mit Gott.

Anna Neumann

Margret Diedenhofen
Margret Diedenhofen ist Gemeindeschwester in Hennef. Foto: Anna Neumann

Links

Interview mit Margret Diedenhofen auf der Gemeinde-Website von Hennef
Infos über Lili Perminov in Eitorf