70 Jahre Grundgesetz: Glaubensfreiheit heute

24.06.19
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70 Jahre Grundgesetz

Artikel 4 des Grundgesetzes gewährt das Grundrecht der Glaubensfreiheit und der Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses. Alle Menschen sollen ihre innersten Anschauungen und Überzeugungen frei bilden und nach außen bekennen können, alleine und in Gemeinschaft. Diese Freiheit gilt Menschen, die sich einem Glauben zugehörig betrachten, wie denen, die dies ausdrücklich ablehnen. Es ist die Aufgabe aller staatlichen Einrichtungen, die Glaubensfreiheit zu achten und zu fördern.

Abwegig erscheinen uns die Zeiten, als der Landesherr über die Religionszugehörigkeit seiner "Landeskinder" entscheiden durfte. Dass ein Staat sogar die Auslöschung einer Religion und ihrer Gläubigen vollzieht, ist für uns Nachgeborene in Deutschland unvorstellbar geworden. Repressionen gegen Kirchen und ihre Mitglieder gehören in unserem Land der Vergangenheit an. Der Artikel 4 hat dazu seinen Beitrag geleistet.

Heute dürfte allerdings die Glaubensfreiheit unter den Freiheitsrechten des Grundgesetzes den meisten Menschen in unserem Lande am unbedeutendsten erscheinen. Es wird als gegeben hingenommen, dass man einer Religionsgemeinschaft angehören kann oder auch nicht, religiöse Feiern öffentlich abhalten darf, die Konfession oder die Religion wechseln kann, eine individuelle Spiritualität praktiziert oder Religion entschieden ablehnt.

Glaubensfreiheit vermischt sich in einer säkularen Gesellschaft mit anderen Grundrechten, die eher im Vordergrund stehen, z.B. mit der Meinungsfreiheit und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die fundamentale Grundüberzeugungen über Leben und Sterben teilt, diese öffentlich bekennt, danach zu leben versucht und in einer langen Tradition verankert ist, hat an Relevanz verloren und damit auch die Wertschätzung der Glaubensfreiheit.

Das konnten die Väter und Mütter unserer Verfassung nicht vorhersehen. Es erwächst daraus aber eine neue Herausforderung. Es gilt, das Grundrecht auf Glaubensfreiheit zu bewahren, wenn Glaube und Religion aus der Mitte der Gesellschaft heraus mit Gleichgültigkeit, Unverständnis, Verachtung oder sogar Aggression begegnet wird.

Am schärfsten zeigt sich das an antisemitischen Angriffen und an der populistischen Auseinandersetzung mit dem Islam. Der Artikel 4 schützt auch Religionen, die uns fremd sind, soweit ihre Ausübung mit der Verfassung und den Gesetzen nicht in Kollision gerät. Hier gilt es, ein gegenseitiges tolerantes Miteinander aufzubauen und füreinander gegen Gewalt und Diskriminierung einzutreten. 

Autor: Manfred Kusserow

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